Zweimonatliche Reflexionen
zum Gedenkjahr von Arnold Janssen und Joseph Freinademetz

zusammengestellt vom
Arnold Janssen Spiritualitätzentrum, Steyl


Reflexion Nr. 2
Josef Freinademetz
Ein Mann der Liebe, des Glaubens und des Gebetes

Publikationsdatum: 18. Januar 2008

Der Weiler Oies, in dem Josef Freinademetz am 12. April 1852 zur Welt kam, liegt sozusagen im Herzen der Dolomiten, im Gadertal/Val Badia. Der kleine „Ujöp“, wie sie ihn in seiner Muttersprache Ladinisch riefen, lernte auf dem kleinen, 1500 Meter hoch gelegenen Bergbauernhof beten und arbeiten, wuchs hinein in das Brauchtum der Kirche und des Landes und durfte zusammen mit seinen Geschwistern erleben, was Heimat und Geborgenheit heißt.
Noch als Kind verließ er sein Elternhaus, um in der Bischofsstadt Brixen zu studieren. Es dürfte dem Zehnjährigen wohl etwas bange gewesen sein, als er sich so Schritt für Schritt – damals gab es noch keine Straße in sein Tal – von seinem Zuhause entfernte. Es waren die ersten von vielen Schritten, die schlussendlich zum Abschied von Heimat, Freunden und Familie führten. Es waren Schritte, die zur Verwirklichung seines Lebenstraumes führten, eines Traumes, der sich erst in der Ferne, in sehr weiter Ferne, nach vielen Schritten, erfüllen sollte. Seine Heimat, seine Freunde und Angehörigen, er hatte sie ins Herz geschlossen - und konnte sie gerade deshalb hinter sich lassen. Das Ziel seines Weges, seines Lebens war, für Gott und für die Menschen da zu sein. In China sah er sich dazu am richtigen Ort. Mit und für die Chinesen wollte er sein Lebensziel verwirklichen.

Leben aus Liebe

Einfach war das nicht. Bald nach seiner Ankunft in China musste er bittere Enttäuschungen hinnehmen. Aus seinem Abschlußbericht an Arnold Janssen über die ersten zwei Jahre geht hervor, wie schwer er sich tat. In der Heimat war er angesehen gewesen, beliebt, hatte sich angenommen gefühlt. In China, vor allem in den beiden Jahren in Hongkong, war es einsam um ihn, war er der ausgegrenzte Fremde. Er hatte darum zu kämpfen, nicht zu verbittern und in Mutlosigkeit zu versinken. Offen gesteht er, dass das Leben des Missionars – sein Leben – reich ist an Leiden: „Dornen bedecken seine Pfade“, umschreibt er das. Das viele Alleinsein, der relativ geringe Erfolg machten ihm zu schaffen und fanden in Vorurteilen ihren Niederschlag: „Der chinesische Charakter“ hat „wenig Anziehendes“, schreibt er in seiner anfänglichen Enttäuschung. Hätten die Mis­sionare nicht andere Motive, würden sie alle „mit dem nächsten Dampfer nach Europa abfahren“. Es ist die typische Sprache eines Mannes, dessen Erwartungen sich nicht erfüllen. Aber Josef Freinademetz  blieb nicht bei seinen Vorurteilen, er kämpfte gegen seine Enttäuschungen an: Jahre später findet er es unerträglich, wenn in seiner Gegenwart schlecht über die Chinesen geredet wird.
Man darf nicht vergessen, wie fremd ihm China zu Beginn gewesen sein muss. Es ist das Zeitalter des Imperialismus, da sich die weiße Rasse über alle anderen überlegen fühlt. In diesem Geist sind auch die Informationen über fremde Völker geschrieben. Josef Freinademetz versucht sein bestes, muss aber erkennen, dass die äußere Anpassung, die chinesischen Kleider, der obligatorische Zopf und der chinesische Name aus ihm keinen anderen Menschen machen. Er spürt, dass er ein hartes Stück Weg vor sich hat: Also beginnt er mit vollem Eifer „chinesische Anschauungsweise, chinesi­sche Sitten und Gebräuche, chinesischen Charakter und Anlagen“ zu studieren. Und er weiß, dass das „nicht an einem Tag, auch nicht in einem Jahr und auch nicht ohne manche schmerzliche Operation“ zu machen ist. „Die Hauptsache bleibt zu tun übrig“, erkennt er, „die Umwandlung des inneren Menschen.“
Je länger Freinademetz unter und mit den Chinesen lebte und für sie ar­beitete, desto stärker setzte sich sein menschliches Verständnis für sie durch, desto mehr kamen auch seine eigenen Charaktereigenschaften zum Tragen: „Diese liebenswürdige, heitere Freundlichkeit war gewiss zum Teil ihm kostbare Naturanlage. Aber nicht bloß das allein; sonst hätte er sich nicht so gleichmäßig und stetig in dieser Stimmung halten können.“ So beschreibt ihn Bischof Henninghaus.
Zäh wie Bergbauern sind, ließ sich Josef Freinademetz nicht entmutigen. Er reifte inmitten seiner Chinesen zum Heiligen heran, wurde zum selbstlosen Menschen, wie einer seiner Grundsätze zum Ausdruck bringt: „Andern nichts verweigern, für sich selbst aber nichts verlangen“; oder wie P. Johannes Blick SVD ihn zitiert: „Die Heiden werden nur durch die Gnade Gottes und, fügen wir hinzu, durch unsere Liebe bekehrt“; denn „die Sprache der Liebe ist die einzige Fremdsprache, welche die Heiden verstehen“. Josef Freinademetz hat diese Sprache der Liebe zu sprechen gelernt.

Weder körperliche Strapazen noch boshafte Schmähungen, weder schmerzhafte Prügel noch gefährliche Todesdrohungen konnten seine Liebe zu den Chinesen trüben. Er trug nicht nur ihre Tracht, er sprach auch perfekt ihre Sprache und versuchte auf ihre Weise zu denken. So wurde er in den Augen vieler zu einem Chinesen, fühlte sich mehr und mehr auch selbst so: „Ich bin ein Chinese geworden und will auch im Himmel ein Chinese sein.“ Solange er die ihm fremde Welt abgelehnt hatte, konnte Freinademetz nicht Missionar sein. Anpassung hatte nicht genügt: Gefordert war ein „innerer Wandel“, die eigene Bekehrung.

Leben aus dem Glauben

Dass er diesen Weg, den Weg des Dienstes am Menschen und für Gott überhaupt einschlagen und dann auch gehen konnte, verdankt er ohne Zweifel auch seiner Familie. Das Leben in seinem Elternhaus war vom Glauben geprägt. Der tägliche Rosenkranz war genauso eine Selbstverständlichkeit wie der sonntägliche Gang hinunter ins Dorf St. Leonhard zur Eucharistiefeier. Ja selbst während der Woche versuchte man, soweit es ging, an der Messe teilzunehmen. Die gemeinsamen Gebete, der Messbesuch sind nur äußere Zeichen für den tiefen, im Inneren verwurzelten Glauben, der die Familie Freinademetz prägte; es ist der Glaube, der Josef Freinademetz geformt hat, der ihm sein Leben lang Halt gegeben hat; in Oies, in seiner Familie, sind die Wurzeln dieses Glaubens zu suchen. Der Glaube war für ihn ein Erbstück, das er nicht für sich behalten konnte, sondern das er weitergeben, weiterschenken musste.

Wenn ihn uns die Kirche als Vorbild vor Augen stellt, dann heißt das in diesem Zusammenhang wohl: Den Glauben, den wir – wie er – geerbt haben, den dürfen wir nicht verstecken, sozusagen in die Tasche stecken, damit ihn nur ja keiner sieht, nein, den müssen wir – wie er – weitergeben, weiterschenken. Dass er dazu nach China ging, ist seine besondere Berufung. Wir müssen uns fragen, wo unser China ist, wo der Ort, wo die Menschen in unserem Leben sind, denen wir unseren Glauben vermitteln, das heißt greifbar, fühlbar machen müssen oder dürfen.

Leben aus dem Gebet

Als Josef Freinademetz Priester wurde, fühlte er sich von seiner Familie getragen. Und auch im fernen China, als Missionar, wusste er sich von seinen Angehörigen begleitet. Ungeschminkt ließ er seine Eltern, seine Geschwister, seine Freunde, seine Bekannten und Mitbrüder an seinen Freuden und Leiden in der Mission teilhaben. In fast allen Briefen an seine Familie und an seinen Freund Thaler ist eine Bitte enthalten: Sie mögen der ihm anvertrauten Chinesen und der ganzen Mission im Gebet gedenken, so wie auch er selbst immer wieder betont, dass er sie nie vergisst und immer wieder dem Herzen Jesu und der Gottesmutter empfiehlt. Noch bevor er auf Nimmerwiedersehen seine Heimat verlässt, schreibt er: „Betet und dankt Gott auch Ihr täglich wenigstens mit einem Vater Unser und Gegrüßt seiest du Maria, dass er die Güte hatte, einen Missionär aus unserer Familie zu berufen.“

Auf der Reise nach China bekennt er in einem Brief an die Eltern, wie schwer es für ihm falle, Familie und Heimat zu verlassen; er tröstet sich jedoch mit dem Gedanken, dass sie sich eines Tages wieder begegnen würden, vielleicht nicht in Oies, aber dann sicher im himmlischen Paradies: „Betet für mich“, so heißt es, „und ich werde für Euch beten, dass dieser Tag für uns alle ein Tag der Freude sei. Betet auch, dass ich die Gnade habe, vorerst viel im Weinberg des Herrn zu arbeiten zum Heil der Seelen.“

Ganz im biblischen  Sinn schreibt er an seine Geschwister: „Lehrt Eure Kinder schon möglichst früh, die Welt und ihre Reichtümer zu verachten“  – womit wohl gemeint ist: nicht zum absoluten Mittelpunkt zu machen – „Gott zu fürchten und zu lieben; lehrt sie beten, demütig und gehorsam sein. Betet auch für mich!“

Josef Freinademetz war überzeugt von der Kraft des Gebetes. Das machte ihn furchtlos. Mag die ganze Welt zusammenfallen, Gott lässt das Gebet nicht ungehört: „Nur das eine ist immer notwendig, dass wir viel beten. Ein Leben ohne Gebet ist der sicherste Weg zur Hölle. Vergesst es nie, für uns und alle Missionare zu beten.“ Er wusste, nicht Gott braucht unser Gebet, aber unser Leben braucht das Gebet. Und nie vergaß er, dass unser Gebet nicht nur die eigenen Sorgen und Probleme, sondern vor allem die der anderen zum Inhalt haben muss. Betend werden wir so zur Stimme der Kirche in der ganzen Welt - so wie Josef Freinademetz in China.

Was kann uns Josef Freinademetz heute, in unserer säkularisierten Welt in Europa und Amerika, in Asien und Afrika, sagen?

  • Glaube ist Berufung. Dazu gehört auch die Aufgabe, “den Menschen, die um ihren Glauben ringen, zum Glauben zu verhelfen.”
  • Wir sind berufen zum Gebet; nicht Gott braucht unser Gebet, sondern unser Leben braucht das Gebet. Dadurch werden wir die Welt nicht sichtbar verändern, aber die Kraft des Gebetes (Gottes Kraft) kann Menschen begleiten, die Welt im Sinne des Evangeliums zu verändern, bis sie in Gott ihre Vollendung findet.
  • Wir sind berufen zur Gemeinschaft: Wer sich zur Liebe bekehrt, wird zur Brücke zwischen den Menschen und ihren Kulturen.
  • Wir sind berufen, ein Segen zu sein. Der Südtiroler Bischof Wilhelm Egger sagte in seiner Predigt bei der Diözesanwallfahrt zum heiligen Freinademetz: „Wir werden zum Segen, wenn wir von Jesus Christus reden und seine Botschaft weitersagen... Wir werden zum Segen, wenn wir uns in der Art Jesu verhalten und Gutes wir­ken. So gehen wir als Gesegnete nach Hause. Wer sich von Jesus segnen lässt, dessen Leben wird verwandelt.“
Peter Irsara SVD
 
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