Zweimonatliche Reflexionen
zum Gedenkjahr von Arnold Janssen und Joseph Freinademetz

zusammengestellt vom
Arnold Janssen Spiritualitätzentrum, Steyl


Reflexion Nr. 4
ARNOLD JANSSEN UND DAS GLEICHNIS VOM REICH GOTTES

Publikationsdatum: 24. Mai 2008

„Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn....“ (Mt.13:31)
„Niederschlagen möge uns nicht die Kleinheit des Beginnes. Ist doch auch der mächtigste Baum anfangs ein kleines Samenkorn und der stärkste Riese anfangs ein schwaches wimmerndes Kind.“ (Arnold Janssen bei der Einweihung des Missionshauses in Steyl)

Jesus redete über das Reich Gottes nur in Gleichnissen. Bemerkenswert ist, dass seine Gleichnisse einfache, alltägliche Begebenheiten zum Inhalt haben: ein Sämann geht aufs Feld, um Samen auszusäen, ein Fischer wirft seine Netz aus, um Fische zu fangen, eine Frau sucht nach ihrer verlorenen Münze, ein Hirt macht sich auf die Suche nach einem verlorenen Schaf; ein barmherziger Vater wartet auf den verlorenen Sohn usw. Alles einfache, alltägliche Ding.

Der Schluss dieser Gleichnisse überrascht uns jedoch mit etwas Außerordentlichem; ein kleines Samenkorn wächst zu einem großen Baum heran; die Samen in einem fruchtbaren Boden bringen hundertfältige Frucht.; das wieder gefundene Schaf bereitet mehr Freude als die übrigen neunundneunzig Schafe; der barmherzige Vater veranstaltet ein großes Fest für seinen verlorenen Sohn, der heimgekehrt ist.

Das Reich Gottes … ist gerade so. Die Fähigkeit, das Reich Gottes wahrzunehmen, beruht auf dem Gespür, Außergewöhnliches in gewöhnlichen Dingen zu sehen. Deshalb sagt Jesus: „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht“. (Lk 10.23). Es ist die Fähigkeit, in einem keimenden Spross den Wald zu sehen oder das Geheimnis des Himmels und des Ozeans in einem Tropfen Morgentau zu entdecken.

Wie Jesus die Geschichte des Reiches Gottes in Gleichnissen erzählte, so erzählten die frühen Christen die Geschichte Jesu – sein Leben, Tod und Auferstehung – als das beste Gleichnis von Gottes Gegenwart. Er ist das kleinste Samenkorn, das gesät wurde, das starb, wuchs und eine überreiche Ernte einbrachte. Er ist das Brot des Lebens, geteilt und vermehrt für die Hungrigen. Er ist das lebendige Wasser, das für die Dürstenden fließt. Er ist das Licht, das in der Dunkelheit leuchtet. Als Jesus später seine Jünger aussandte, damit sie seine Sendung fortsetzten, sandte er sie aus mit leeren Händen, denn er wollte, dass sie dem Weg des kleinen Samenkorns folgten, das durch seinen Tod neues Leben bringt. Unter der Führung des Heiligen Geistes verstanden die Jünger dieses Geheimnis des Reiches Gottes, so wie später auch Benedikt in der Höhle von Subiaco, wie Franz von Assisi, der mittellos sein Elternhaus verließ, wie Arnold Janssen in einem alten, verfallenen Haus in Steyl oder wie Mutter Theresa, die den Armen und Notleidenden in den Straßen von Kalkutta half.

Ja, wir können sagen: das Leben und die Sendung Arnold Janssens ist ein neues Gleichnis des Reiches Gottes. Wir erinnern uns an seinen Ausspruch am Tag der Einweihung des deutsch- holländischen Missionshauses, als viele Leute über den armseligen Beginn enttäuscht waren. „Niederschlagen möge uns nicht die Kleinheit des Beginnes. Ist doch auch der mächtigste Baum anfangs ein kleines Samenkorn und der stärkste Riese anfangs ein schwaches wimmerndes Kind. Wohl wissen wir, dass wir mit den Kräften, die wir bis jetzt besitzen, unsere Aufgabe nicht lösen; aber wir hoffen, dass der liebe Gott uns alles Erforderliche zuführen werde. Und so mag der liebe Gott mit uns tun, was Er will. Wird aus unserm Hause etwas, so wollen wir das der Gnade Gottes danken, und wird nichts daraus, so wollen wir demütig gegen die Brust schlagen und bekennen, wir waren der Gnade nicht wert....Und darum richte ich an die hier Versammelten die Aufforderung: Was können wir tun? Erstens Gebet: Bittet den Herrn der Ernte. Zweitens Opfer.“

Zunächst haben wir zu beten, denn letztlich ist das Reich Gottes das Werk Gottes selbst. Wir sind nur Werkzeug in seinen Händen. Aber wir haben Opfer zu bringen, denn die Nachfolge Jesu führt uns den Weg des kleinen Samenkorns, das sterben muss, um zu wachsen und Frucht zu bringen. In diesem Zusammenhang erinnern wir uns auch daran, wie Arnold gleichsam mit leeren Händen sein Missionswerk begann, wie er sein ganzes Vertrauen auf den Herrn der Ernte setzte und auf die Brüder und Schwestern, die seine Vision unterstützten, baute.

Er weihte seine erste Missionsgesellschaft dem Göttlichen Wort. Damit wollte er uns an die wesentlichen Aussagen der Prologs des Johannesevangeliums erinnern: „Im Anfang war das Wort ... Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh. 1:1.14). Die vordringlichste Haltung des Missionars sollte deswegen eine kontemplative sein, die das Wort Fleisch werden und unter uns leben lässt. Unser heiliger Missionar, Josef Freinademetz, ist hierfür ein gutes Beispiel. Er fragte einst Arnold Janssen, wie er sich am besten für seine Mission in China vorbereiten könne. P. Arnold gab ihm den Rat, das Evangelium auswendig zu lernen. Es könnte ja sein, dass es verboten sei, eine Bibel mit in das ferne und fremde Land zu nehmen. So hätte er das Evangelium aus seinem Herzen zu predigen. Josef folgte diesem Rat, aber er tat mehr, als nur den Text auswendig zu lernen. Es ließ das Wort in seinem Leben Gestalt annehmen; seine Person wurde durch das Wort verwandelt und wurde so zur frohen Botschaft für die Menschen in Süd Shantung. Als Arnold später Brüder und Schwestern als Missionare in die verschiedensten Teile der Welt sandte, verwirklichte er das Gleichnis vom Sämann, der den Samen auf den Acker aussäte. Arnold war sich bewusst, dass viele Hindernisse am Wegrand liegen und der felsige und dornige Boden Widerstand leisten werden. Am Ende jedoch werde das Wort fruchtbaren Boden finden und reiche Frucht bringen. Er ermahnte daher die Missionare, im Werk der Evangelisierung ihr Bestes zu geben, denn „die Verkündigung der frohen Botschaft ist die größte Tat der Nächstenliebe“.

Von Anfang an waren unsere Kongregationen (SVD, SSpS, SSpSAP) als internationale Gemeinschaften gedacht, die Mitglieder aus verschiedenen Völkern und Kulturen aufnehmen sollten. Denn unsere Missionare sind gehalten, in alle Länder zu gehen, besonders in jene, wo die Frohe Botschaft noch nicht oder nur ungenügend verkündet worden ist. In diesem Sinne sind unsere Gesellschaften Hinweise auf die messianische Aussage Jesu: „Man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen“(Lk 13:29).

Wenn wir heute unsere Mission unter dem Stichwort „Prophetischer Dialog“ oder „lebenspendende Beziehungen“ neu fassen, dann bestätigen und vertiefen wir schlichtweg die missionarische Sichtweise, die wir von unserem Stifter erhalten haben. Durch die Arbeit unserer Missionare, insbesondere durch ihr Bemühen um die Glauben-Suchenden, um die Armen und an den Rand gedrängten verwirklichen wir das Gleichnis vom Guten Hirten und vom barmherzigen Vater. Indem wir zu Völkern anderer Religion und Kultur gehen, bezeugen wir mit großem Nachdruck den allumfassenden Charakter des Reiches Gottes.

Wenn wir die Gleichnisse Jesu lesen, uns die Lebensgeschichte Arnold Janssens vor Augen führen und unsere heutige Mission bedenken, stellen wir fest, dass der Herr große Dinge durch seinen einfachen Diener von Goch bewirkt hat. Das Außergewöhnliche in einer gewöhnlichen Person!

So führen wir heute froh unsere missionarische Sendung fort. Wenn auch die Anzahl der Mitbrüder in Westeuropa abnimmt und die finanziellen Mittel weniger werden, so werden unsere jungen Missionare aus Asien, Afrika, Amerika oder aus verschiedenen Gegenden Europas eine neue Zeit der Gnade erleben, indem sie dem Herrn auf dem Weg des kleinen Samenkorns folgen. Denn „wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh. 12:24). „Wer gibt, was er hat, ist wert, dass er lebt,“ sagt Arnold.

Leo Kleden, SVD, Ledalero, Flores.
 
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