Impulse zum 100. Todesjahr des
hl. Josef Freinademetz SVD
von Pietro Irsara, SVD
Praeses des Freinademetz-Geburtshauses
in Oies, Abtei, Italien
Publikationsdatum: 30. November 2007
„Meine Jahre neigen stark und mit Riesenschritten dem Ende zu. Da fühlt und bedauert man so recht sehr, dass man eine so lange und gnadenreiche Reihe von Lebensjahren nicht besser in vinea domini (im Weingarten Gottes) verwendet; möchte man wenigstens zur elften Stunde aufwachen und mit ganzer Kraft schaffen solange es noch Zeit ist. Ihr frommes Gebet hilft mir.“
Josef Freinademetz an Theodor Buddenbrock, Febr. 1907
Thema 1
Mit Enttäuschungen leben
Mit dem Te Deum auf den Lippen und „mit vor Freude pochendem Herzen“ betrat der junge Missionar Josef Freinademetz chinesischen Boden. Was er aber zunächst erleben und ertragen musste, waren herbe Enttäuschungen. Er war im wahrsten Sinn des Wortes „in der Fremde“ angekommen. In der Heimat als Priester hochgeschätzt und verehrt und als Mensch beliebt, begaffte man hier bestenfalls sein europäisches Aussehen und Gehabe. Niemand fragte nach ihm, keine Menschenseele schien sich dafür zu interessieren, was er hier wollte. Die Einsamkeit schlug sich ihm aufs Gemüt. Es war alles anders, als er es erwartet hatte: „Was ich täglich sah, hörte und erfuhr, stand zu meinen bisherigen Anschauungen vielfach in schroffstem Gegensatz“, schrieb er rückblickend.
Was ihm aber völlig unbegreiflich war und ihn am bittersten traf, war die scheinbare religiöse Gleichgültigkeit. Da schien niemand nach dem Brot der Wahrheit und der Gnade zu hungern, wie er sich das vorgestellt hatte. Da war nichts Vertrautes. Der fremden Kultur und Lebensweise stand er, ganz Kind seiner Zeit und seiner europäischen Herkunft, verständnislos gegenüber: „Man kann kaum zehn Schritte gehen, ohne dass allerhand höllische Fratzen und die verschiedensten Teufeleien einem unter die Augen treten. Die Luft, die man hier einatmet, ist durch und durch heidnisch; keine Anregung von außen, das lebendige Wort, das anregende, gute Beispiel mangelt zum großen Teile. Kein Glockenton, kein religiöses Fest, keine feierliche Prozession spricht zum Herzen; die Kapelle trägt in den meisten Fällen am Karfreitag denselben Schmuck wie am Ostersonntag. Im äußern Leben kein Unterschied zwischen dem Weihnachtsfeste und dem Aschermittwoche; immer und überall das gleiche Gewimmel und Getümmel ohne Anfang und ohne Ende (...)“
Er selbst bezeichnete die ersten beiden Jahre als Noviziat. Es war eine harte Schule für ihn, ging es doch an die Substanz: Wozu war er ausgezogen? War China wirklich das Land, das – siehe Abraham - Gott ihm zeigen wollte?
Er muß viel gegrübelt, nachgedacht, mit sich gerungen und gebetet haben, sonst hätte er diese, fast mystisch klingenden, Worte nicht niederschreiben können: „(...) Die stille Einsamkeit und allseitige Verlassenheit spricht dem Missionar eigentümlich zu Herzen, und weil der liebe Gott umso näher ist, je weiter die Menschen, so weiß der Missionar oft nicht, ob er vor innerem Weh weinen oder vor Freude aufjubeln soll, und er tut beides zugleich.“
Die Schwierigkeiten am Beginn seines Missionarslebens blieben freilich nicht die einzigen. Enttäuschungen gab es immer wieder: „Im Frühjahr 1890 hatte er eine Erfahrung gemacht, die er die traurigste seines Missionslebens nennt: 200 Katechumenen (Taufschüler) fielen ab, und zwar weil ausgerechnet ihr Katechist, den P. Freinademetz selbst getauft und angestellt hatte, sie zum Abfall verführte und gegen ihn aufwiegelte. Es war eine bittere Enttäuschung, aber er wusste sich zu beherrschen. Bald machte sich der Katechist selbst unmöglich, die Katechumenen aber kehrten größtenteils zurück.“
Gegen Ende seines Lebens, als äußere Strapazen erträglicher geworden waren, Verfolgungen ein Ende gefunden hatten, durch die Anhänglichkeit der Christen und die Ankunft vieler Mitbrüder die Einsamkeit kein Problem mehr war und die Mission sozusagen in Blüte stand, musste Freinademetz fürchten, dass diese Blüte allzuschnell verblühen würde, weil sich mit dem Zustrom der Europäer auch deren areligiöse Lebensweise bemerkbar machte. Klagend schreibt er am 28. Mai 1902 an sein Patenkind: „Im übrigen leben wir gegenwärtig in China im Frieden, und wiederum machen sich viele zu Christen. Die größte Geißel für uns und für die armen Chinesen sind die vielen Europäer, die ohne Glauben und völlig korrupt China zu überschwemmen beginnen. Sie sind wohl Christen, aber sie sind schlimmer als die Heiden. Sie haben nichts anderes im Kopf, als Geld zu machen und allen weltlichen Gelüsten nachzugehen; arme Leute!“
Schützend stellt er sich vor seine Chinesen: „Die Chinesen sind der Religion gegenüber nicht feindlich gesinnt, und wenn Europa heutzutage christlich wäre, wie es sein könnte und sollte, ich bin überzeugt, ganz China würde sich zum Christentum bekehren .... der Wind, der von Europa kommt, ist sehr kalt und böse und deshalb muss man fürchten, dass die armen Chinesen Heiden bleiben und noch schlimmer werden als die Heiden.“ Bitter schreibt es noch einen Monat vor seinem Tod: „Das schlechte Beispiel jener die nach China kommen, (...) macht sie (die Chinesen) gleichgültig, ja sogar zu Gegnern des Christentums.“
Quellen: Bornemann p.52; Berichte pp.37, 39f., 41; Nova et Vetera (SVD-interner Informationsdienst) p.1091; Brief an Patenkind Franz Thaler, China, 28. 05. 1902, Lettere p. 86f.; Brief an Elisabetta Thaler, Yenfu, 23. 01. 1907, Lettere p. 93; Brief an Elisabetta Thaler, 26. 12. 1907, Lettere p. 96;
Zur Besinnung
Enttäuschungen, Krisen sind Teil unseres Lebens. Sie entmutigen, hemmen den Lauf des Lebens, bringen Manches zum Stillstand; darin steckt aber auch ihre große Bedeutung: sie zwingen zum Innehalten, zum Nachdenken und werden damit zur Chance, fordern auf, andere Wege in Erwägung zu ziehen, einen Neubeginn zu wagen.
Gott mutet uns Krisen zu, die nicht einfach mit Gebeten oder frommen Übungen aus dem Weg zu räumen sind. Krisen sind auch im Glauben Herausforderungen, die uns zur Besinnung zwingen, die bisher verborgene Fähigkeiten in uns wecken und so die Entfaltung unserer Persönlichkeit fördern.
Der Glaube vertuscht nicht Probleme und Schwierigkeiten, sondern gibt uns Kraft und Mut, Dinge in ihrer ganzen Wirklichkeit wahrzunehmen. Es ist eine Frage des Glaubens, zuzulassen, dass Gott anders handelt, als ich es mir vorstelle und wünsche. Gottes Weg ist oft der, dass ich durch Enttäuschungen, durch Krisen und Leiden, zu einer Beziehung zu ihm gelange, die sich mir anders nicht eröffnet hätte.
Gelingt es mir zu sehen, dass die Steine auf meinem Weg mich öffnen können für die Gegenwart Gottes, die mich überall umgibt? Kann ich verstehen, dass Krisen von Gott her immer eine liebende Bedeutung haben und unser Leben reifen und bereichern können?
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